Während sich anti-Russische und China-feindliche Rhetorik in Deutschland immer stärker im politischen Mainstream festsetzt, feiern Russland und China unterdessen historische Durchbrüche beim Ausbau ihrer umfassenden strategischen Partnerschaft. Das gilt insbesondere für Energietechnologien, wie ein umfangreiches chinesisch-russisches Kernreaktorprojekt verdeutlicht. Die Präsidenten Vladimir Putin und Xi Jinping nahmen am 19. Mai per Liveübertragung persönlich an der Eröffnungszeremonie für den Baubeginn von vier Reaktorblöcken teil, die in 5 bis 7 Jahren in China Strom produzieren sollen: Block 7 und 8 des Tianwan Kraftwerks nahe der Stadt Lianyungang, und Block 3 und 4 des Kraftwerks Xudapu an der nördlichen Küste der Bohai-Bucht.

Meilenstein der Nuklearkooperation

„Russische und chinesische Spezialisten arbeiten an diesem gemeinsamen Vorzeigeprojekt, das wirklich ein Meilenstein ist. Sie bauen leistungsstarke, moderne Kernreaktoren russischer Bauart, die alle Sicherheits- und Umweltstandards erfüllen,“ sagte ein sichtbar stolzer Präsident Putin, und fügte hinzu: „Die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der friedlichen nuklearen Entwicklung ist ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Umfangs der russisch-chinesischen strategischen Partnerschaft, die umfassend, wahrhaft freundschaftlich und zum gegenseitigen Nutzen ist. […] Man kann sagen, dass die Beziehungen zwischen Russland und China den höchsten Stand in der Geschichte erreicht haben.“[1]

Zusammenarbeit an Nuklearkraftwerken zwischen Russland und China im Mai 2021

Auch der chinesische Präsident betonte in seiner Ansprache den gemeinsamen Fokus beider Länder auf eine innovationsbasierte Zusammenarbeit: „Unter Nutzung der Möglichkeiten, die sich aus der wissenschaftlich-technischen und innovativen Zusammenarbeit zwischen China und Russland bieten, ist es wichtig, sich auf […] fortschrittliche Technologien zu konzentrieren, die Zusammenarbeit in der Grundlagenforschung, bei der Entwicklung von Schlüsseltechnologien und bei der Implementierung innovativer Produkte in die Fertigungsprozesse zu verstärken, die Nutzung der neuesten digitalen Technologien in der Nuklearindustrie zu fördern und einen wichtigen Beitrag zur innovationsgetriebenen Entwicklung des globalen Nuklearsektors zu leisten.“[2]

Gemeinsame Mondstation

Auch bei der Spitzenforschung im Bereich der Raumfahrttechnologien konvergieren die Wege Russlands und Chinas zunehmend. Am 9. März 2021 unterzeichneten die Generaldirektoren der jeweiligen Nationalen Raumfahrtbehörden, Dmitri Rogosin (Roscosmos) und Zhang Kejian (CNSA) eine Absichtserklärung zwischen der Regierung der Volksrepublik China und der Regierung der Russischen Föderation über die Zusammenarbeit beim Bau einer Internationalen Mondforschungsstation, der International Lunar Research Station (ILRS). Rogosin und Zhang diskutierten kurz danach bereits Fragen zur Umsetzung des Projekts. Der Roscosmos-Chef und der CNSA-Leiter stellten eine „positive Dynamik der russisch-chinesischen Zusammenarbeit“ in diesem Bereich fest. Am 23. April wurde von ihnen dann eine „gemeinsame Erklärung über die Zusammenarbeit bei der Schaffung der Internationalen Wissenschaftlichen Mondstation (ISLS)“ verabschiedet.[3]

Konferenz im April 2021 über gemeinsames Projekt bei Mondstation

Die ILRS wird laut dieser Erklärung ein „Komplex von experimentellen Forschungseinrichtungen, die auf der Oberfläche und/oder in der Mondumlaufbahn unter möglicher Beteiligung anderer Länder, internationaler Organisationen und anderer internationaler Partner“ errichtet wird. Die Forschungsaktivitäten werden sich auf die „Erkundung und Nutzung des Mondes, Mondbeobachtungen, Experimente der Grundlagenforschung und Technologieverifizierung“ konzentrieren, zunächst im Rahmen eines langfristigen unbemannten Betriebs, jedoch auch mit der Aussicht auf die Ankunft von Menschen.

Die ILRS Mondstation wird kein exklusiv russisch-chinesisches Projekt sein, sondern steht allen internationalen Partnern offen, die an einer Zusammenarbeit bei der Planung, der Begründung, dem Entwurf, der Entwicklung, der Durchführung und dem Betrieb der ISLS interessiert sind, „um den Forschungsaustausch zu stärken und die friedliche Erkundung und Nutzung des Weltraums im Interesse der gesamten Menschheit zu fördern,“ heißt es in der Erklärung. Zur weiteren Erforschung des Mondes und des tiefen Weltraums haben Russland und China übrigens auch ein Abkommen zwischen Roscosmos und der CNSA über die Zusammenarbeit bei der Koordinierung der russischen Orbitalmission Luna-1 und der chinesischen Forschungsmission Chang’e-7 zur Erforschung der Polarregion des Mondes unterzeichnet.

Gas, Kohle, Öl

Auch bei den konventionellen fossilen Brennstoffen weitet sich die Kooperation aus. Während sich große Teile des Westens, allen voran Deutschland, von finanziell üppig ausgestatteten Stiftungen, Hedgefonds, Banken und Versicherungsgesellschaften den Ausstieg aus Atomenergie, Kohleverstromung, Öl, und sogar aus dem Erdgas aufschwatzen ließen, bauen China und Russland neben der Kernenergie auch ihre gemeinsamen Kohle-, Gas- und Ölsektoren aus. Was diesen strategisch extrem wichtigen Energiesektor anbelangt, gaben sich russische und chinesische Spitzenvertreter erst vor kurzem beim Boao Forum for Asia (BFA) auf der chinesischen Insel Hainan recht zuversichtlich. Der Vorsitzende der China National Petroleum Corporation (CNPC), Dai Houliang, erklärte: „Die Zusammenarbeit mit Russland war immer ein wichtiger Bestandteil der Interaktion Chinas mit anderen Ländern im Energiebereich. Das Ausmaß unserer gemeinsamen Aktivitäten in dieser Hinsicht nimmt stetig zu.“ Dais Stellvertreter bei CNPC, Li Yueqiang, sagte gegenüber der russischen Nachrichtenagentur TASS: „Wir kooperieren auf Jamal und in der Arktis und glauben, dass die Interaktion erfolgreich verläuft.“[4]

Gas-Pipeline in Heihe zwischen Russland und China, im Dezember 2019

Russland unterhält in der Arktis umfangreiche Unternehmungen zur Produktion von verflüssigtem Erdgas (LNG), um den inländischen und ausländischen Bedarf zu befriedigen. Chinas Wachstumsprognosen im Rahmen des 14. Fünfjahresplans gehen von einem erhöhten Bedarf an Energie aus, die China durch Importe stillen will. Analysten gehen auch davon aus, dass die sinkenden Kohleexporte aus Australien nach China mehr und mehr durch Russland ausgeglichen werden. Die australische Regierung sorgt mit ihrer Anti-China Haltung derzeit für erhebliche Verstimmungen. Mit Russland als Partner in der Energiewirtschaft hat China eine langfristig verlässliche Alternative. Präsident Putin rief dazu auf, den Kohleexport nach China in den kommenden drei Jahren um 30 Prozent zu steigern. Nach den Daten des chinesischen Zollamts für das Jahr 2020 rangierte Russland nach Saudi-Arabien bereits an zweiter Stelle bei den Öllieferungen nach China.

Am Scheideweg

All dies hat eine extrem wichtige Signalwirkung für die große Zahl bislang noch unterentwickelter Länder und Regionen der Welt. Der in Moskau ansässige amerikanische Politikanalyst Andrew Korybko schrieb in seiner bekannten Kolumne neulich unter der Überschrift „Chinesisch-russische Kernenergie-Kooperation stärkt strategische Partnerschaft“: „Weitere gemeinsame chinesisch-russische Kernenergieprojekte könnten auch in Drittländern gestartet werden. Afrika hat einen dringenden Bedarf an bezahlbarer, sauberer Energie, da seine Bevölkerung weiter wächst und sich seine vielen Staaten wirtschaftlich weiterentwickeln. Chinas weitreichende Verbindungen mit dem Kontinent, kombiniert mit Russlands Rückkehr dorthin in den letzten Jahren, könnten dazu führen, dass solche Projekte erkundet werden. Alle Parteien würden davon profitieren, und ihre trilaterale Kernenergie-Kooperation könnte sogar die Grundlage für eine spätere umfassendere Zusammenarbeit bilden.“[5]

Viele Staaten, deren Regierungen sich dem wichtigsten aller Themen, nämlich der Industrialisierung und Modernisierung ihrer Volkswirtschaften verschrieben haben, stehen also vor einer Grundsatzentscheidung. Lassen sie sich von der geopolitischen Konfrontationspolitik gegen Russland und China einfangen und folgen sie den im Westen immer schriller werdenden Forderungen der Bewegung für eine „Große Transformation“, nach deren Ansicht 90% der Weltbevölkerung in Bambushäusern leben, sich vegan ernähren und Fahrräder aus grün produziertem Stahl fahren sollen? Oder werden sie sich dem chinesisch-russischen Paradigma einer wissenschaftsbasierten Fortschrittsgesellschaft anschließen, die Nukleartechnologien, Hochgeschwindigkeitsbahnen und die friedliche Erkundung und Besiedlung des Weltraums zum Vorteil der großen Mehrheit betreibt? China und Russlands wachsende strategische Partnerschaft scheint der einzige verlässliche Garant für letzteres zu sein.


[1] http://en.kremlin.ru/events/president/news/65606

[2] https://www.fmprc.gov.cn/mfa_eng/zxxx_662805/t1877323.shtml

[3] http://en.roscosmos.ru/22074/

[4] https://tass.com/economy/1281137

[5] https://news.cgtn.com/news/2021-05-21/Chinese-Russian-nuclear-energy-cooperation-strengthens-strategic-ties-10qozzrER6E/index.html